Aus Fehlern lernenWhy Mistakes are the Best Things Since Sliced Bread

Kinder machen beim Erwerb ihrer Muttersprache(n) in den ersten vier Jahren ihres Lebens Fehler am laufenden Band – und ihre Eltern paraphrasieren, sprechen richtig vor oder hören sich das Gesagte zurecht. Auch beim Englischlernen gehören Fehler zum Lernprozess dazu. Wie Sie diese Fehler in Lerngelegenheiten ummünzen können, ohne im Korrekturwahn zu versinken, erfahren Sie hier.

Rotstift auf korrigiertem Text

Fehle über Fehler - und die soll ich alle korrigieren? Das müssen Sie nicht, wenn Sie unsere Tipps beachten... 3844328/Pixabay CC-SA-20

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Teacher: I don’t understand how one person can make so many mistakes in one day. Pupil: Well, I get up early.

Zum Glück, könnte man sagen, denn Fehler gelten heute als notwendiger und gewinnbringender Teil des Lernprozesses. Ähnlich wie muttersprachliche Kindern etwa vier Jahre brauchen, bis sie ihre Muttersprache(n) näherungsweise fehlerfrei sprechen, sollte man auch Fremdsprachenlernenden eine Interimssprache zugestehen.

Doch was versteht man eigentlich unter einem Fehler? Und wie können Lehrkräfte Fehlern angemessen begegnen – auf einer Skala zwischen Rotstift im Dauereinsatz und grenzenloser Fehlertoleranz?

Was ist ein Fähler – Entschuldigung, Fehler?

Fehler treten zum einen als Verstoß gegen das sprachliche System auf, also gegen die Sprachrichtigkeit. Dann spricht man von errors. Zum anderen entstehen Fehler, wenn ein Sprecher die sprachliche Norm missachtet, er also Konventionen nicht einhält oder sein sprachliches Verhalten einer Situation nicht angemessen ist. Dann spricht man von mistakes.

Errors können beispielsweise also sein:

  • syntax: *As you know works my father in Munich. (… my father works …)
  • morphology: *That would be even badder. (… worse.)
  • tenses: *”I know him for a long time.” (I’ve known him …)
  • tense/aspect (+): * When managers’ leadership skills are poor, productivity is suffering. (… suffers.)
  • tense/aspect (-): *”I ring from Paris and I’d like to know …” (I’m ringing …)
  • verb + preposition: * I’ve told you that you’d end in prison. (… end up in …)
  • concept: *Take me some tea and then bring me to the station. (Bring me … take me …)
  • collocation: * She’s a strong smoker. (… heavy smoker.), *I’m much taller as my brother. (… taller than …)
  • non-existent word: *The pocket thief was arrested. (… pickpocket… )

Mistakes können beispielsweise hier auftreten:

  • inappropriate item: * “I wish you a good appetite” (Enjoy your meal – oder nichts sagen)
  • inappropriate choice: “I would be extremely grateful if you could possibly tell me the way to the station.”
  • idioms: * He’s heavy on wire. (He’s really on the ball.)
  • discourse organization: * She didn’t study. This was because she failed the test. (Therefore …/ Consequently …)

Wo kommen sie her, die Fehler?

Dafür gibt es viele Gründe, von denen manchmal mehrere zugleich auftreten. Folgende Fehlerursachen lassen sich systematisieren:

  • Einfluss der Muttersprache (L1 interference, language transfer), z.B. in einer anderen Verbform: Beispiel: * I live here since Christmas (I’ve been living here…). Ich wohne hier seit Weihnachten.
  • divergente Struktur: Beispiel: Drei Wörter für „bemerken“: I noticed somebody behind the tree. “That’s life“, he remarked ironically. She didn’t realize her mistake.
  • Übertragung der deutschen Wortbildung auf das Englische. Beispiel: bag-thief anstatt pickpocket
  • Übergeneralisierung einer Regel (z.B. bei Morphemstrukturen). Beispiele: * She goed to the pictures. * She cans speak French.
  • geringer Kontrast zwischen den Wörtern. Beispiele: skirt (Rock) vs. shirt (Hemd),  become vs. bekommen
  • false friends wie gymnasium (Turnhalle) vs. Gymnasium (= highschool), sensible (sinnvoll) vs. sensibel (feinfühlig)
  • mangelhaftes Auswendiglernen. Beispiel: unregelmäßige Verben, z.B. *  lie – lied – lien
  • eingeschränktes Verstehen des englischen Zeitensystems. Beispiel: * “How long are you playing the guitar?“
  • falsches Nachschlagen im Wörterbuch. Beispiel: * She didn’t remark me. (bemerken)
  • ungewöhnlich hohe Gewichtung von grammatischen Strukturen im Lehrwerk, obwohl in der gesprochenen Sprache/ von Muttersprachlern nicht so häufig verwendet werden als dass ihr fehlerhafter Gebrauch auffallen würde (if clauses, reported speech)
  • der Lehrplan verteilt bestimmte Strukturen auf mehrere Schuljahre und erschwert somit den Lernprozess. Beispiel: If-clause I: 6. Klasse, If-clause II: 7. Klasse, If-clause III: 8. Klasse
  • unerklärbare Gründe: blackout/slip of the brain/slip of the tongue/unique goofing.

Fehler wirken sich sehr unterschiedlich aus. Die Palette der Folgen reicht von der spontanen Erheiterung der Zuhörer bis zur peinlichen Stigmatisierung eines Sprechers oder Schreibers.

Wie geht man mit Fehlern um?

Wenn man zum Erbsenzählen neigt, sind wahrscheinlich fast alle Schüleräußerungenen im Englischunterricht irgendwie nicht in Ordnung: Man findet Fehler im Bereich der Grammatik, des Vokabulars, der Aussprache, der Registerzugehörigkeit, der Situationspassung, des Diskurses etc. Wie geht man damit um?

Vernachlässigbare Fehler

Fehler müssen die Bedeutung einer Aussage nicht zwangsläufig einschränken. Die Gehirne von native speakers oder anderen kompetenten Sprechern verfügen über ein Restaurationsprogramm, mit dessen Hilfe sie Fehler aus automatisch „reparieren“. Oder die Situationsparameter machen das Gesagte verständlich. Schlimmer als Verstöße gegen die Sprachrichtigkeit empfindet ein native speaker ohnehin zum Beispiel

  • fehlende Höflichkeitsformen („I want  ...“  anstatt „I’d like ...“)
  • eine Missachtung der weniger direkten Gesprächseröffnungsverfahren und der geringere Direktheitsgrade im englischen Sprachgebrauch
  • zu stark elaborierte Formen im sprachlichen Alltag: Would you be so kind as to pass me the sugar, please?
  • falsch intonierte question tags
  • oder die falsche Positionierung von „please“ im Satz, die eine Aufforderung viel zu massiv werden lässt: „Could you please shut the door“.“ anstatt „Could you shut the door, please?“

Es ist nicht nötig, jeden Fehler SOFORT richtig zu stellen, da die Schülerinnen und Schüler die Korrektur entweder im Eifer des Gefechts nicht wahrnehmen oder nicht nachhaltig speichern. In inhaltsorientierten und mitteilungsbezogenen Phasen hat die sprachliche Korrektheit ohnehin einen untergeordneten Stellenwert. Und: Man kann auf einem Schlachtfeld alle Toten, aber auch alle Überlebenden zählen. Man sollte sich über das Gelungene freuen und das weniger Gelungene nicht unbedingt zum Maßstab der Bewertung machen. Außerdem: Wer mehr spricht oder schreibt, darf auch mehr Fehler machen. Das sollte man bei einer Bewertung berücksichtigen.

Fehler, die man beseitigen sollte

Manche Fehler führen zum Abbruch der Kommunikation, weil der Hörer die Mitteilungsabsicht des Sprechers nicht mehr erkennen kann. Auf diese Fehler sollte man sich bei der Korrektur konzentrieren – natürlich in einer freundlichen oder sogar humorvollen Weise, die niemanden bloßstellt. Man sollte im gleichen Atemzug auch etwas Gelungenes hervorheben.

Wie kann man die Fehler also loswerden? Der am wirkungsvollsten bekämpfte Fehler ist der, der gar nicht erst entsteht: Vorbeugen ist besser als Heilen! So sollte man die Lerner im Vorfeld auf potenzielle Fehlerquellen aufmerksam machen. Auch ein qualitativ hochwertiges Sprechvorbild der unterrichtenden Lehrkraft stellt eine gute Fehlerprophylaxe dar.

Wenn doch Fehler unterlaufen sind, können diejenigen sie besten beseitigen, die sie auch gemacht haben: Die Lernenden selbst. Zur Lernerautonomie gehört nämlich auch die Fähigkeit der Selbstevaluation der eigenen Produkte und somit auch die Fähigkeit, Fehler zu entdecken, diese als erneuten Lernanlass zu betrachten und zukünftig zu vermeiden. Außerdem neigen viele Schülerinnen und Schüler dazu, die Korrekturen ihrer Lehrerin nicht weiter zur Kenntnis zu nehmen, wie Englischlehrer Jochen Lüders in seinem Blog sehr launig verdeutlicht. Folgende Maßnahmen haben sich bewährt:

  • Die Lernenden erstellen kreative Lernposter, die im Klassenzimmer aufgehängt und laufend ergänzt werden. Die Poster weisen auf mögliche Fehlerquellen hin.
  • Fehler werden in einer best of-Liste gesammelt (natürlich anonymisiert) und gemeinsam besprochen. Diese Liste wird in der Klasse ausgehängt, so dass die Lehrkraft nur darauf zeigen muss, wenn einer dieser Fehler wieder passiert. Eine andere non-verbale Möglichkeit der Reaktion auf Fehler ist eine Rote Karte, die die Lehrkraft immer vorzeigt, wenn es nötig ist.
  • My pet mistakes: Jeder der Lernenden stellt sich eine individuelle Liste seiner/ihrer Lieblingsfehler und deren Korrektur zusammen und darf diese mit in die nächste Klassenarbeit nehmen.
  • Ein Lernender, dem ein spezifischer Fehler sehr häufig unterlaufen ist, wird zum Experten für diesen Fehler und darf seine Mitschüler in diesem Punkt korrigieren.
  • Die Lehrkraft markiert in schriftlichen Texten nur die Zeilen, in denen ein Fehler ist. Die Lernendem erhalten ausreichend Zeit zur Selbstkorrektur, z.B. mithilfe von (Online-)Wörterbüchern, Lernergrammatiken, false friends-Sammlungen, der aushängenden Lernposter, der individuellen Fehlerkartei etc.
  • error spotting: Die Lernenden suchen in den Texten anderer (anonymisierter) Personen sehr gerne nach Fehlern und das mit oftmals erstaunlicher Akribie. Und keine Angst, die Lernenden werden die Fehler nicht übernehmen. Denn ein neues Wort oder eine grammatische Struktur prägt sich erst ein, wenn Lernende ihr mehrfach begegnet sind. Und warum sollte man sich ausgerechnet etwas Falsches bereits bei der Erstbegegnung ein für alle Mal merken?
  • Die Lerner überabeiten einen selbst erstellten Text sowohl nach Inhalt als auch nach sprachlicher Richtigkeit. Dazu können sie textspezifische Checklisten und andere gängige Hilfsmittel benutzen, die auch formale Aspekte beinhalten, z.B. Formalien für das Verfassen eines Briefes.

Dieser Blogbeitrag basiert auf

Werner Kieweg (2007): „Fehler erkennen – Fehler vermeiden“. In: Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch, Heft 88 [Fehlerbewusstes Lernen]. 2- 9.

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