Didaktisches LexikonWas ist Sprachmittlung?

Wenn Menschen unterschiedlicher Erstsprachen aufeinandertreffen, die keine gemeinsame Sprache teilen, brauchen sie jemanden, der ihre beiden Sprachen spricht und sprachlich vermittelt. Es hilft das weiter, was die Bildungsstandards als die fünfte Fertigkeit neben den klassischen four skills ausweisen: Sprachmittlung. Wir erläutern wichtige Prinzipien, die man bei der Sprachmittlung im Unterricht beherzigen sollte.

zweifarbige Figur, die Sprachmittlung symbolisiert

Sprachmitteln bedeutet, Inhalte adressatengerecht in eine andere Sprache übertragen Bild: Friedrich Verlag

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Unter Sprachmittlung versteht man das sinngemäße Übertragen von Texten oder Äußerungen in eine andere Sprache. Es unterscheidet sich deutlich vom Übersetzen, das eine wortgetreue Übertragung eines Textes in eine andere Sprache erfordert – denn ohne professionelles Training und die Kenntnis jedes einzelnen Wortes ist das fast nicht möglich. Sprachmittlung hingegen dient dazu, das Wesentliche einer Aussage oder eines Textes einem Gesprächspartner verständlich und für seine Zwecke angemessen zu vermitteln oder eventuell den kulturellen Hintergrund zu erläutern, der für das Verständnis einer Aussage vonnöten ist.

 

Wann braucht man Sprachmittlung?

 

Sprachmittlung ist eine häufige fremdsprachliche Kommunikationssituation, der Schüler und Schülerinnen in ihrem eigenen Alltag und auch zukünftigen (Arbeits-)Leben begegnen: Sie möchten zwischen Austauschpartnern und ihren Familien und Freunden vermitteln oder werden aufgefordert, auf Englisch zu helfen. Sie fassen fremdsprachliche Informationen aus gesprochener Sprache oder schriftlichen Texten in eigenen Worten zusammen und helfen somit, sprachliche und kulturelle Hürden zu überwinden. Dabei müssen sich die Sprachmittelnden in die verschiedenen Gesprächsteilnehmer und deren Interessen und Bedürfnisse hineinversetzten können und (Empathie-Fähigkeit) und auch bei interkulturellen Missverständnissen schnell spontan reagieren.

 

Woraus setzt sich Sprachmittlungskompetenz zusammen?

 

Sprachmittlungskompetenz ist eine komplexe Kompetenz und setzt sich aus verschiedenen Teilkompetenzen zusammen

  • Sprachlich-kommunikative Kompetenz: Der oder die Sprachmittelnde muss natürlich beide involvierten Sprachen so gut beherrschen, dass er oder sie die zu vermittelnden Inhalte korrekt versteht und sie in angemessener Form weitergeben kann. Dazu muss er oder sie den Kommunikationszweck erkennen, denn er oder sie muss spontan eine angemessene zielsprachliche Textsorte auswählen und den Grad der Reduktion, ggf. auch der Expansion festzulegen und zu nutzen
  • Interkulturelle Kompetenz: Sprachmittelnde Tätigkeiten verlangen ein gut entwickeltes interkulturelles Problembewusstsein: Der oder die Vermittelnde muss über eine besondere Sensibilität für sprachliche und soziale Gewohnheiten in beiden Sprachen (Grad der persönlichen Ansprache, Höflichkeit usw.) verfügen. Er oder sie muss auch ein Gespür dafür haben, wann sprachliche Äußerungen zu ihrem korrekten Verständnis ein kulturelles Wissen voraussetzen, über das der zielsprachliche Adressat oder die Adressatin nicht verfügt und das daher zusätzlich zum Ausgangstext als sprachliche Information eingeführt werden muss. Zum Beispiel kann es notwendig sein, besondere institutionelle Gepflogenheiten zu erläutern. Wenn man im Zusammenhang mit dem britischen Schulalltag assembly einfach als 'Versammlung' übersetzt, wird natürlich die eigentliche Bedeutung nicht transportiert, sondern man müsste z.B. ergänzen 'die morgendlich stattfindende Schulversammlung'.
  • Interaktionale Kompetenz: Die sprachmittelnde Person muss die Anforderungen einer sozialen Situation erfassen können, also das Verhältnis der beteiligten Personen zueinander, deren Handlungs- oder Kommunikationsziele, deren Interessen und deren Vorwissen. Hier kommt die Sprachmittlung tatsächlich der Mediation sehr nahe, wie sie auch als Strategie der Konfliktlösung bekannt ist. Dabei muss die sprachmittelnde Person eigene Interessen, Absichten und Ziele aus dem Vorgang der Sprachmittlung heraushalten und ausschließlich die Kommunikationsinteressen der zu vermittelnden Partner bedienen.
  • Strategisch-methodische Kompetenzen: Die sprachmittelnde Person muss Äußerungen oder Kommunikationserwartungen antizipieren können. Sie muss die eigene Leistung überwachen ('Ist alles verstanden worden? Muss etwas nachgetragen oder ergänzt werden? 'Muss ich nachfragen?' usw.), Unsicherheiten umschiffen und die Stimmigkeit (inhaltliche Kongruenz mit dem Ausgangstext und Konsistenz des Zieltextes) kontinuierlich überprüfen.

 

Wie kann man Sprachmittlungskompetenz aufbauen?

 

  • Thematische Einbettung: Die Sprachmittlung muss im Unterricht in die alltägliche thematische Arbeit eingebettet werden, damit die Sprachmittelnden mit den Inhalten der zu vermittelnden Texte und auch mit dem entsprechenden Vokabular vertraut sind. Es sollten im Unterricht keine Texte willkürlich gewählt und den Lernenden zur Sprachmittlung vorgelegt werden.
  • Kommunikative Orientierung: Mit der thematischen muss auch eine kommunikative Einbettung verbunden sein. Diese muss plausibel machen, in welcher Situation und mit welchen Kommunikationspartnern eine Mediation erforderlich ist. Die kommunikativen und interkulturellen Situationen orientieren sich an lebensweltlichen Situationen und Anforderungen. Im Mittelpunkt der Sprachmittlung steht der kommunikative Zweck. Deshalb müssen immer die kommunikative Situation und die beteiligten Partner bekannt und plausibel sein.
  • Angemessenheit: Sprachmittlung orientiert sich am Mitteilungsgehalt des Ausgangstextes, aber nicht an dessen formalen oder stilistischen Merkmalen. Die sprachmittelnde Person muss einen angemessene Form der zielsprachlichen Mitteilung finden (Kurzzusammenfassung, Memo, Liste etc.).
  • Englisch als Arbeitssprache: Auch in Unterrichtsphasen mit Übungen zur Sprachmittlung bleibt Englisch die Arbeitssprache im Unterricht. Die deutsche Sprache ist den zu übermittelnden Inhalten, also den jeweiligen Ausgangs- oder Zieltexten vorbehalten.
  • Übersetzen als Ausnahme: Wortgetreues Übersetzen findet nur statt, wenn es zu kommunikativen Missverständnissen zwischen den verschiedensprachigen Partnern gekommen ist oder wenn einer der Beteiligten ausdrücklich die wortgetreue Wiedergabe seiner Äußerung verlangt, weil er oder sie sonst seine Kommunikationsabsichten gefährdet sieht.

Es ist selbstverständlich, dass sich über die Lernjahre hinweg und bei kontinuierlicher Übung der Schwierigkeitsgrad der Sprachmittlungsaufgaben steigert. Dieser misst sich am inhaltlichen und sprachlichen Schwierigkeitsgrad der Ausgangs- und der Zieltexte sowie am zunehmenden Verzicht aus Hilfen und sprachstützenden Maßnahmen (scaffolding).

 

Dieser Blogbeitrag basiert auf Informationen aus

Wolfgang Hallet (2008): „Zwischen Sprachen und Kulturen vermitteln. Interlinguale Kommunikation als Aufgabe.“. In: Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch, Heft 93. 2-7.

 

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