ErzähltextanalyseHow the find the meaning between the lines

Ohne Werkzeug geht es nicht: Wer sich literarische Texte erschließen will, benötigt dafür Begriffe und Konzepte der Erzähltextanalyse. Doch gerade daran mangelt es Schülerinnen und Schülern häufig noch im Abitur. Wir stellen ein Glossar vor, mit dessen Hilfe sie sich in der Fremdsprache kompetent über verschiedene Formen des Erzählens – auch in unterschiedlichen Medien – austauschen können.

Mädchen öffnet Graffiti-Tür auf der Wand

Wer über die nötigen Analysestrategien und die Fachbegriffe verfügt, dem öffnen sich die Türen zu literarischen Texten Foto: napri/Photocase.de

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Kurze Erzähltexte komprimieren Erlebnisse, Taten, Gedanken und Gefühle von Menschen zu einer literarischen Form, die manchmal nur 50 Wörter oder 140 Zeichen umfasst. Ihr geringer Umfang, Verdichtung, Reduktion und Mehrdeutigkeit machen sie zu einer guten Grundlage, um Strategien zum Umgang mit Literatur zu erwerben. Doch dafür benötigen Schülerinnen und Schüler geeignetes Handwerkszeug zur Erzähltextanalyse, mit dem sich literarischen Texte erschließen lassen. Nicht zuletzt wird diese Fähigkeit im Abitur gefordert.

 

Literarische Texte Interpretieren

 

Im Zentrum des Englischabiturs in Baden-Württemberg 2018 statt ein Auszug aus dem Roman Call It Sleep (1934) von Henry Roth. Der Roman handelt von einer jüdischen Immigratenfamilie im New York der 1920er-Jahre. Der Text zeichnet sich zum einen aus durch seine detailreiche Beschreibung der Lebensbedingungen unter Einwanderern in der Lower East Side und zum anderen durch seine bildhafte Sprache – zum Beispiel in diesem Abschnitt:

They were silent. And before them, rising on her high pedestal from the scaling swarmy brilliance of sunlit water to the west, Liberty. The spinning disk of the late afternoon sun slanted behind her, and to those on board who gazed, her features were charred with shadow, her depths exhausted, her masses ironed to one single plane. Against the luminous sky the rays of her halo were spikes of darkness roweling the air; shadow flattened the torch she bore to a black cross against flawless light-the blackened hilt of a broken sword. Liberty.

Wer erzählt uns dies? Aus wessen Perspektive? Von wem ist hier die Rede? Wie wird „she/her“ beschrieben? Und welchen Eindruck vermittelt dies von „der Freiheit“?

 

Unfair! Unfair?

 

Doch gerade dieser dichte, metaphernreiche Textabschnitt über die Freiheitsstatue in New York war es, der die Abiturientinnen und Abiturienten auf die Barrikaden brachte: Sie veröffentlichten eine Petition auf change.org, in der sie darlegten, warum die Analyse dieses narrativen Textes zu schwer gewesen sei. Hier die Argumente:

  • Der Text stamme „ursprünglich aus dem Jahre 1934 und beinhaltet deshalb Vokabular, das so im heutigen Sprachgebrauch zum Teil nicht mehr verwendet wird und selbst in manchen Wörterbüchern nicht mehr zu finden ist.“
  • Der Text gehöre „zur Gattung der Romane/ Erzählungen und besitzt somit Charaktere, eine unklare Personenkonstellation und eine Handlung, die viel Zeit erfordert, um den Inhalt und Kontext zu verstehen.“
  • „Im Gegensatz zu den üblichen Sachtexten bei solchen Aufgaben, stellt dies eine große Schwierigkeit dar, da die Antworten nicht wie bei Sachtexten durch Daten oder Aussagen belegbar sind, sondern unter anderem auf Dinge zwischen den Zeilen anspielen“

 

Literarische Texte sind keine Einkaufszettel

 

Es gibt nur wenige Textsorten, deren Bedeutung direkt auf der Textoberfläche liegt: Zum Beispiel bei Einkaufszettel ist in der Regel klar, welche Lebensmittel und Haushaltsgegenstände den Weg in den Einkaufswagen finden sollen. Doch auch bei den meisten anderen Sachtexten liegen nicht alle Bedeutungen auf der Oberfläche – auch hier muss man die Machart des Textes erkennen, um z.B. Stichhaltigkeit und Glaubwürdigkeit des „Sachtextes“ erkennen zu können.

Das Kultusministerium lehnte die Petition der Abiturientinnen und Abiturienten übrigens ab. Denn Techniken der Erzähltextanalyse kann und muss man lernen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass Wörter eine figurative Bedeutung haben und als Metaphern dienen können. Das hat mit „veralteter“ Sprache nichts zu tun. Die Darstellung der Figuren im Text, deren Beziehungen untereinander und die Handlung sind zentrale Elemente in einem literarischen Texte und unterscheidet diese u.a. von Sachtexten. Die Bedeutung(en) eines literarischen Textes erschließ(t/en) sich durch Interpretation der Beobachtungen, die man durch Textanalyse gewinnt.

 

Strategien zum Umgang mit Literatur erwerben

 

Um literarische Erzähltexte analysieren (und sie selbst schreiben) zu können, müssen Schülerinnen und Schüler Wissen über die Bauformen des Erzählens erlangen. In ihrem Beitrag für den Fremdsprachlichen Unterricht Englisch, Ausgabe 160, stellen die Literaturdidaktiker Carola Surkamp und Ansgar Nünning deshalb die wesentlichen Konstituenten narrativer Texte vor. Leitfragen zu den Bauformen des Erzählens ermöglichen ein methodisches Verfahren in leicht lehr- und lernbaren Teilschritten. Dieses Verfahren lässt sich leicht auf unterschiedliche narrative Texte übertragen. In einer matching exercise erarbeiten und sichern die Schülerinnen und Schüler Fachbegriffe der Erzähltextanalyse und deren Definitionen, zum Beispiel

  • fictional world – the world represented in a narrative text, which is subject to its own rules and laws
  • figural narrative situation – one of the typical narrative situations; the story is presented by a covert narrator and through the eyes of one or more characters who function as focalisers
  • first-person narrative situation – one of the typical narrative situations; events are related by a ‘narrating I’, who takes part in the action in the fictional world as a character or ‘experiencing I’
  • flashback – relates to the order of events; a sequence of a narrative that goes back in time to show what happened earlier in the story
  • flash-forward – relates to the order of events; a sequence of a narrative that tells about a future event of the story
  • flat character – a one-dimensional character, who has few individual characteristics
  • focalisation – refers to the perception of the fictional world; includes internal processes such as thinking, feeling and remembering
  • focaliser – centre of orientation from whose perspective the fictional world is perceived; to find out who the focaliser is one has to answer the question who sees? who feels? who remembers?
  • inside view – the representation of a character’s mental processes, e.g. his or her thoughts, feelings, perceptions, dreams, memories, visions etc.
  • minor character – character who supports the main characters according to his/her role within the plot (e.g. antagonist, witness, helper, confidant)
  • narrating I – the present self of a narrator in the first-person narrative situation
  • narrative mode – the way in which textual elements are represented; we differentiate between report, description, comment and direct speech.
  • narrative situation – refers to the way in which events are narrated; there are three ‘narrative situations’: authorial narrative situation, figural narrative situation, first-person narrative situation
  • narrator – fictive textual speaker who narrates a story; answer to the question ‘who speaks?’
  • omniscient narrator – has the privilege of knowing everything about both the characters’ thoughts and feelings and the course of the action and of being present at different places at the same times. This usually excludes first-person narrators.
  • open ending –  form of conveying information at the end of a text which does not offer final solutions
  • order – refers to the possibilities of organising the temporal sequence of events (flashback, flashforward)
  • overt narrator – concrete, individualised narrator who is clearly recognisable as a speaker, who may analyse and evaluate the characters and events, offer personal comments and directly address the reader
  • plot – refers to the structure of the action, i.e. the causal and temporal sequence of events; complementary term to ‘story’
  • protagonist –main character whose plans and intentions are often blocked by an antagonist
  • report – a factual, frequently temporally compressed account of events by the narrator
  • round character – a multidimensional character displaying a complex selection of character traits that change as the action progresses
  • setting – refers to the specific location of an event in space and/or time
  • story – (1) sequence of events in their ‘natural’ temporal chronology; complementary term to ‘plot’; (2) totality of elements that constitute the level of fictional action; complementary term to ‘discourse’ (‘story’ refers to the ‘what’, ‘discourse’ to the ‘how’ of a narrative)

Die vollständigen Begriffe und Definitionen auf schülergerechten Kärtchen finden Sie in der Ausgabe 160 des Fremdsprachlichen Unterricht Englisch: Short narrative fiction

Wenn Sie mit Ihren Schülerinnen und Schülern an Kurz- bis Kürzesttexten diese Werkzeuge ausprobieren möchten, bietet Ihnen die Ausgabe Short narrative fiction des Fremdsprachlichen Unterricht Englisch eine Fülle von Ideen dazu!

 

Ausgabe Short narrrative fiction

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