7. – 8. Schuljahr

Frauke Matz

A Bitter Taste of Life

Eine Petition gegen Kinderarbeit in der Kakaoproduktion verfassen

Für die einen rechteckig, lecker, süß, für die anderen bitterer Alltag: Der Kakao für unsere Schokolade wird von Kinderhänden vom Baum gepflückt. Und auf der Plantage sind die Kinder nicht freiwillig: Sie wurden von ihren Eltern aus purer Not dorthin verkauft oder von Menschenhändlern verschleppt. In einer komplexen Kompetenzaufgabe recherchieren die Lernenden aus einem Dokumentarfilm und aus Sachtexten deren Lebensbedingungen und verfassen eine Petition, in der sie zur Abschaffung von Kinderarbeit auffordern.

Aus ihrer westlichen Lebenswelt heraus ist es für Lernende eventuell eine Herausforderung nachzuvollziehen, dass es zum einen Kinderarbeit (forced child labour, s. Kasten 1) überhaupt gibt und zum anderen, welches Leid dies für die betroffenen Kinder bedeutet.
Kinderarbeit in der Kakaoindustrie
Kinderarbeit in der Kakaoindustrie
Kinderarbeit (child labour) kann als „work performed by a child that is likely to interfere with his or her education, or to be harmful to their health or physical, mental, spiritual, moral or social development (Convention on the Rights of Children, Article 32.1) definiert werden. Da diese Kinder in diese Lebensituationen hineingezwungen werden, ist es angebracht, von forced child labour zu sprechen.
Es ist schwierig, verlässliche und aktuelle Informationen, Zahlen und Fakten über forced child labour in der Kakaoindustrie (und anderen Bereichen) in Erfahrung zu bringen. Nicht-Regierungsorganisationen und Onlinezeitschriften, die entsprechende Zahlen veröffentlichen, müssen diese Informationen aufgrund von rechtlichen Verfahren immer wieder von ihren Webseiten löschen. Global agierende Firmen, die selbst unter Verdacht stehen, von Kinderarbeit zu profitieren, tragen selbst oft wenig zur Aufklärung bei. So haben im Verlauf der letzten Dekade große Firmen wie Nestlé oder Mars zwar selbst mit eigenen Initiativen begonnen, verlässliche Zahlen sind jedoch auch hier nicht zu finden.
Wie dringlich die Situation ist zeigt sich aber in den wenigen offiziell verfügbaren Statistiken zu forced child labour wie dem Bericht der International Labour Organisation. Diese hat für das Jahr 2014 errechnet, dass z.B. in Ghana trotz aller vorangegangenen Initiativen noch immer 21,2% der Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren (d.h. 1.480.990 Mädchen und Jungen) zur Arbeit gezwungen werden. Zudem ist der Studie zufolge die Mehrheit dieser Kinder unterschiedlichen Formen des Missbrauchs ausgesetzt und erleidet Verletzungen oder erkrankt infolge von Infektionen oder der schweren Arbeit, die hauptsächlich in der Landwirtschaft wie bei der Ernte von Kakaobohnen oder auch in der Industrie angesiedelt ist.
Unter anderen in der internationalen Schokoladenindustrie ist Kinderarbeit verbreitet: Es sind Kinder, die die Kakaofrüchte ernten, die aus dem Stamm des mannshohen Kakaobaumes heraus wachsen. So haben die Lernenden Anteil an einem globalen Problem, denn sie sind meist selbst Schokoladen-Konsumenten und stehen so stehen am Ende einer langen, eng miteinander verbundenen Ereigniskette. Durch affektives Lernen können sie dieses Problem nachvollziehen und Empathie für die Kinder in diesen Gesellschaften entwickeln.
In dieser Unterrichtsidee hinterfragen sie ihre eigene Rolle in dieser global-gesellschaftlichen Problemlage und machen von ihrem Recht auf demokratische Teilhabe Gebrauch, indem sie eine Petition für die Abschaffung von Kinderarbeit verfassen und diese online stellen.
Global education
Lernende können sich dem komplexen Thema forced child labour im Rahmen des globalen Lernens nähern, dem Konzepte wie soziale Verantwortung und world citizenship (Cates 2004:241) zugrunde liegen. Dabei durchlaufen sie einen Lernprozess, der sich aus knowledge, skills, attitudes und action zusammensetzt (ebd.) und der ihnen durch ein Ablaufschema transparent gemacht wird (s.Kasten 2).
Lernprozesse im globalen Lernen
Lernprozesse im globalen Lernen
Diese Aspekte gehen fließend ineinander über und sind nicht als voneinander isolierte, abgeschlossene Lernschritte zu verstehen.
In einem ersten Schritt ist es zunächst wichtig, sich grundlegendes Wissen über forced child labour zu erarbeiten. Verständnis für und Respekt vor den Kindern, die dieser unmenschlichen Situation ausgesetzt sind, befähigt die Lernenden dazu, selbst zu handeln und sich als acting global citizens zu begreifen.
Informationen erarbeiten
Die Lernenden sollen erfahren, dass es Gesellschaften gibt, die Kinder als commodity verstehen und ihnen jegliche rechtliche Stellung absprechen und keine Bildungsperspektive eröffnen. Die Lernenden erarbeiten sich explorativ das Wissen um die ökonomischen und sozialen Bedingungen und verstehen, unter welchen unhaltbaren und grausamen Lebensbedingungen Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der anders als in ihrer eigenen Lebenswelt der Kindheit kein Wert beigemessen wird.
Als gemeinsame Arbeitsgrundlage und Einstieg dient das factsheet Chocolates Bitter Taste der australischen World Vision Campaign (2012). Es bietet einen ersten verständlichen Überblick über das Thema, erste Zahlen und Fakten sowie Definitionen wichtiger Begriffe, die die Lernenden anhand von worksheet 1 in Partnerarbeit erarbeiten.
Um im Anschluss an diese Informationsgrundlage einen persönlichen Zugang zu dem Thema zu finden und in der Innenperspektive in die Lage versetzt werden, sich selbst als kulturelle Akteure wahrzunehmen, überprüfen die Lernenden ihr eigenes Konsumverhalten und recherchieren online (worksheet 2 ), ob ihre Lieblingsschokolade auch basierend auf Ausbeutung von Kindern produziert wurde. Dabei können sich die Informationen der Firmen durchaus von denen des firmenunabhängigen Onlineberichts unterscheiden. Diese Diskrepanz sollte im Plenum aufgegriffen und diskutiert werden. Im weiteren Unterrichtsverlauf wird auf diesen Arbeitsschritt verwiesen, damit Lernende begreifen, dass ihr eigenes kulturelles Handeln zu globalen Prozessen beitragen kann.
Beispielbiografien von Kinderarbeitern kennenlernen
Um einen multiperspektivischen Zugang zu ermöglichen und damit die Lernenden eine Vorstellung davon bekommen, was ein Leben in forced child labour eigentlich bedeutet, erhalten sie einen kurzen Einblick in das Leben zweier Kinder: Abdul (10 Jahre) und Jaco (angeblich 16 Jahre) arbeiten auf Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste und erzählen im Film Chocolates Child Slaves (http://edition.cnn.com/videos/world/2015/05/26/chocolate-child-slaves-ivory-coast-spc-cfp.cnn, 08:00 – 10:30 Min.) aus ihrem Leben. Die Lernenden notieren sich biografische Informationen (worksheet 3 ) aus dem Film und besprechen diese sowie ihre ersten Reaktionen in Partnerarbeit. Im Anschluss daran werden diese Eindrücke im Plenum besprochen und Lernenden erhalten die Möglichkeit, ihre eventuelle Betroffenheit auszudrücken.
Kampagnen gegen Kinderarbeit recherchieren
In einer gelenkten websearch (worksheet 4 ) widmen sich die Lernenden dann in geteilter Gruppenarbeit mit entsprechenden Austauschphasen dem weiteren Wissenserwerb und recherchieren (in-)offizielle Zahlen, sammeln Informationen über die Regionen, in denen es zur Ausbeutung von Kindern in der Kakaoproduktion kommt, Umstände, unter denen Kinder in forced child labour geraten und informieren sich über das sogenannte trafficking (Menschenhandel) dieser Kinder. Außerdem lernen sie Maßnahmen und Kampagnen zur Verhinderung von forced child labour in der Kakaoindustrie kennen (z.B. über das Harkin Engel Protocol 2001 und andere Initiativen). Sie diskutieren, welche Projekte und Maßnahmen sie sinnvoll finden bzw. was sie selbst in ihrem Handeln ändern können. Abschließend sammeln sie einige der für sie bedeutsamsten Formulierungen, die sowohl die Problematik als auch Lösungsansätze beschreiben, die ihnen für den nächsten Arbeitsschritt hilfreich sein sollen.
Petition verfassen
Demokratieerziehung im Englischunterricht ist „immer vor dem Hintergrund der Herausforderungen zu sehen, die sich aus der global vernetzten Welt ergeben (Knippertz/Möller 2015:4). Ziel dieses fremdsprachlichen globalen Lernens ist es, Lernende in die Lage zu versetzen, nach dem Prinzip des think globally, act locally (vgl. Cates 2004:241) an diesen globalen Diskursen teilzuhaben und eigene Handlungsstrategien zu entwickeln, um gegen Kinderarbeit in der Schokoladenindustrie anzugehen (Kasten 3).
Petitionen
Petitionen
Petitionen sind eine demokratische Form der Teilhabe an globalen Diskursen, da diese die Möglichkeit bieten, „mitzusprechen, zu kritisieren und Dinge zu ändern (Häger 2016:25). Jede(r) darf nach dem demokratischen Prinzip eine Petition einreichen und die empfangende Organisation ist dazu verpflichtet, sie anzunehmen. Hier gilt jedoch im Falle vieler Regierungen die Regel, dass eine Petition 10000 Unterzeichnende gewonnen haben muss, um Beachtung zu finden, jedoch 100000, um dem Parlament selbst vorgelegt zu werden. Der Vorteil von Online-Petitionen wie z.B. auf Internetplattformen wie change.org ist, dass sie in englischer Sprache verfasst werden, damit global verständlich sind und eine Vielzahl von Befürwortern erreichen.
Zunächst recherchieren die Lernenden unterschiedlichen Petitionen, die ihnen als generische Modelle dienen und auf deren Formulierungen sie ihn ihrer eigenen Petition zurückgreifen können (worksheet 5 ). Mit ihrer Petition sollen sich die Lernenden an einzelne Unternehmen der internationalen Kakaoindustrie, die unter dem Verdacht stehen, von forced child labour zu profitieren, oder an die Regierungen Ghanas oder der Elfenbeinküste wenden.
Um die Effektivität der Projektarbeit zu überprüfen und eventuell zu verbessern, präsentieren die Lernenden ihre Petitionen in einem gallery walk und evaluieren die Petitionen der Mitschüler. Sie stimmen über die effektivste Petition ab und veröffentlichen sie auf einer Internetplattform wie www.change.org. Wenn die Schulleitung zustimmt, können sie auch durch Poster, auf der Schulwebseite oder in der Schülerzeitschrift für ihre Petition Werbung machen. Die Klasse kann dann die Fortschritte der Petition bis zu ihrem Ablauf beobachten und so die Wirkung ihres Textes verfolgen.
Literatur
Cates, Kip A. (2004): „Global Education. In: Byram, Michael: Routledge Encyclopedia of Language Teaching and Learning. London: Routledge. 241 – 243.
Häger, Franziska (2016): „Make a change! Eine Petition verfassen. In: Englisch 5-10, Heft 35 [Schreiben fördern]. 24 – 27.
Hallet, Wolfgang (2011): Lernen fördern Englisch. Kompetenzorientierter Unterricht in der Sekundarstufe I. Seelze: Klett/Kallmeyer.
Hallet, Wolfgang (2013): „Die komplexe Kompetenzaufgabe. In: Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch, Heft 124 [Komplexe Kompetenzaufgaben). 2 – 8.
Genetsch, Martin/Hallet, Wolfgang/Surkamp, Carola/Weisshaar, H. (2012): „Cheap Children. Individualisierung und Differenzierung mit einer Kompetenzaufgabe für die Klasse 7 zu Kinderarbeit und Kinderrechten. In: Hallet, Wolfgang/Krämer, Ulrich: Kompetenzaufgaben im Englischunterricht. Grundlagen und Unterrichtsbeispiele. Seelze: Klett/Kallmeyer. 98 – 112.
Knippertz, Daniel/Möller, Stefan (2015): „800 Years of the Magna Carta. Demokratielernen im Fremdsprachenunterricht fördern. In: Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch, Heft 137 [Living Democracy]. 2 – 8.
Internet
nach Cates 2004:–241