5. – 13. Schuljahr

Alexander Hallet | Stefan Schütz

Rappen und Aussprache, Prosodie und fluency verbessern

Rap und Hip-Hop mit all ihren subgenres sind mittlerweile fest im Musikbusiness etabliert. Künstler wie Public Enemy, Eminem, Dr. Dre, Timbaland oder Missy Elliott haben seit Mitte der 1990er- bis Anfang der 2000er-Jahre das Genre gesellschaftsfähig gemacht, über den Musiksender MTV hat es Einzug in amerikanische und europäische Wohn- und Kinderzimmer gehalten.
Herkunft und Funktion des Rap
Ursprünglich ist der Rap aus dem storytelling nicht-schriftlicher afrikanischer Kulturen und ihres call and response-Prinzips entstanden. Er verlieh der afro-amerikanischen Minderheit in den urbanen Ghettos des weißen Amerika eine  – allerdings meist männliche Stimme: Von politischen Akteuren wie Malcom X oder Martin Luther King beeinflusst, verschafften sich afro-amerikanische Künstler wie Public Enemy oder NWA über ihre Musik Zutritt zum Diskurs der weißen Mehrheitsgesellschaft, die sie mit ihren radikalen Texten und der neuen Mischung aus Funk, Blues, Soul und Reggae nachhaltig prägten. Anfangs noch als Minderheiten-Musik belächelt und wegen ihrer teils drastischen, derben Sprache verteufelt, differenzierte sich das Genre mit der Zeit aus und wurde immer kommerzieller.
Mittlerweile ist Rap keine auf eine bestimmte (nationale, ethnische oder soziale) Herkunft beschränkte musikalische Ausdrucksform mehr. Stattdessen gilt diese Musikrichtung für verschiedene Gruppen und Individuen als besonders geeignet, „sich selbst auszudrücken und darzustellen, womit ihr eine identitätsstiftende Funktion zukommt (Schlicht 2004:17). Rap ist ein Ventil für Selbstreflexionsprozesse, für Gefühle und Gedanken, für Meinungen und Positionen zu privaten wie politischen oder kulturellen Fragestellungen. Rap mit seiner unverkennbaren Nähe zur poetry hilft, neue Sprachbilder und Wortbedeutungen zu schaffen und durch Betonung, Intonation und Reim dem Geäußerten klanglich Nachdruck zu verleihen.
Eine alternative Ausdrucksform
Genau hier kann der Bogen geschlagen werden zwischen der ursprünglichen Funktion von Rap und einer produktiven Verwendung dieses Genres im Unterricht. Häufig genug mündet die Arbeit mit literarischen und nicht-literarischen Texten im Englischunterricht in einen diary entry oder einen interior monologue. Diese Genres der Verarbeitung von eigenen Gedanken, die oft zur Auseinandersetzung der Lernenden mit einer (literarischen) Figur oder einer Fragestellung herangezogen werden, um Perspektivwechsel oder Empathie zu erzeugen, sind jedoch nicht Teil der Lebenswelt von Jugendlichen. Gedanken und Gefühle in einen musikalischen Kontext zu rücken, der den Lernenden Experimente mit Sprache, Klang und Rhythmus erlaubt, eröffnet ihnen hingegen neue Spielräume für den Selbstausdruck und ist für sie authentischer und motivierender.
Durch Rappen mit der englischen Sprache spielen
Rap spielt mit Wörtern, stellt sie in neue Sinnzusammenhänge und experimentiert mit lautmalerischen Wörtern, Reimen, Ellipsen usw. So fördert er die Sensibilität der Lernenden für die Fremdsprache und deren sprachliche, klangliche und rhythmische Eigenheiten. Über Sprachspiele, z.B. mit Klang und Reim, kann der Wortschatz trainiert (vgl. Schärtl 2015:8 – 10) und erweitert oder sukzessive das Sprechen (accuracy&fluency) geübt werden. Die Lernenden stehen zudem vor der Herausforderung, Inhalte innerhalb eines Rahmens aus Zeitmaß und Rhythmus zu präsentieren.
Rhythmische Grundlagen einüben
Nicht alle Lehrenden und Lernenden sind gleichermaßen musikaffin und verfügen über unterschiedliche Voraussetzungen: Obgleich sich in der Klasse sicherlich einige Kinder finden, die schon Rap-Experten sind, Rap-Techniken intuitiv praktizieren oder musikalisch grundsätzlich sehr begabt sind, werden andere schon große Probleme haben, ein bestimmtes Tempo zu halten und on time auf die einzelnen Schläge eines Taktes zu reagieren. Daher kann es durchaus notwendig sein, mit der Lerngruppe zunächst einige Grundübungen zu Rhythmik, Klang und Reim zu durchlaufen.
Sinnvollerweise sind solche Grundübungen zur Rhythmik an Bewegung und die englische Sprache geknüpft (Kasten  1).
Kasten 1: Gettin 2 know da rhythm: Grundübungen in Rhythmik, Klang und Reim
Kasten 1: Gettin 2 know da rhythm: Grundübungen in Rhythmik, Klang und Reim
Voice&body, part I
Voice&body, part II
🔎 Did you get along with the first exercise? Well then, lets move on:
Auf diesem Wege bekommen die Lernenden ein Gefühl für Takt und Tempo sowie für Betonungs- und Klangmuster in der englischen Sprache. So probiert die Klasse im Plenum anhand einfacher Wörter oder einzelner Silben aus, auf welchem Schlag die Betonung erfolgen muss. Im Rap hat der 4/4-Takt eine Schlüsselfunktion. Das Halten des Taktes und das timing für die einzelnen Schläge kann die Klasse zunächst durch Klatsch- und Stampfbewegungen üben, bevor sie testet, auf welchem Schlag eine betonte Silbe am besten klingt (in der Regel auf der 2 und der 4).
Im Anschluss sammeln die Lernenden Wörter, die sich reimen. Starke Lernende werden hier sogar schon Reimwörter aus einem gemeinsamen Themenfeld finden. Dies ist aber keine Bedingung für das reimende Sprechen auf einen vorgegebenen beat. Je nach Lerngruppe und Lernjahr können nicht nur einzelne, sich reimende Wörter auf den beat gesprochen werden, sondern schon ganze Sätze.
Rap im Anfangsunterricht
Die meisten Lehrwerke nutzen Raps im Anfangsunterricht. Diese dienen oft dazu, Wortfelder einzuüben und zu festigen. Die Lernenden können aber auch selbst Wortcluster zu bekannten Themen wie wie family, pets, hobby, body oder food (vgl. Schärtel 2015:9) erstellen. Die gesammelten Wörter werden dann in simple Satzstrukturen eingefügt und gerappt. Das Rappen soll dabei über eine reine Wortschatzübung hinausgehen und erste narrative Kompetenzen fördern, indem die Kinder z.B. in wenigen Versen über persönliche Einstellungen oder Haltungen zu diesen Themen rappend erzählen.
Auch Kinderlieder lassen sich leicht in einen Rap umwandeln. Dadurch lernen die Kinder, Wörter oder ganze Satzpartien anders zu akzentuieren und Sätze rhythmisch und flüssig zu sprechen.
Rap in der Mittel- und Oberstufe
Für die Mittelstufe bieten sich leichte Prosa- oder Lehrbuchtexte mit lebensweltlichem Bezug an, in denen Sichtweisen von Figuren explizit wiedergeben sind. Diaries oder Interviews können die Lernenden z.B. wunderbar in einen Rap-Text umschreiben und auf selbst produzierte oder schon bestehende backing tracks rappen. Talentiertere Schülerinnen und Schüler können darauf aufbauend auch eigene Paralleltexte schreiben und rappen. Wichtig ist hier, dass Texte als Vorlage dienen, zu denen die Lernenden selbst Stellung beziehen und sich äußern können. Daher sind Texte, die Bezug auf persönliche Erfahrungen oder Meinungen nehmen und durch das Rappen eine besondere Ausdrucksstärke erfahren, besonders authentisch und wirksam (worksheet 1 🔎). In vielen Bundesländern ist im Lehrplan der Klassenstufe 8 das Thema America und im Zuge dessen der American Dream verankert. Dieser Grundpfeiler amerikanischen kulturellen Denkens basiert per definitionem auf subjektiven Wünschen, Hoffnungen und individuellen Lebenswege und eignet sich deshalb bestens als Thema für einen Rap. Stärkere Lernende bzw. Lerngruppen schreiben im Anschluss einen Rap über ihre eigenen Träume und Hoffnungen (worksheet 2 🔎).
Als Vorentlastung erstellt die Lerngruppe ein cluster, das unterschiedliche Wege und Ziele persönlichen Erfolgs enthält (Liebe, Beruf, Geld, Bildung, Sport usw.). Anschließend ergänzen die Lernenden die gesammelten Begriffe mit Wörtern, die sich klanglich anfügen (z.B. Reimwörter, Alliterationen, Wörter mit denselben Vokalen, mit der gleichen Anzahl an Silben usw.). Sie sprechen ihre Texte auf vorhandene beats oder erstellen diese mit entsprechenden Programmen selbst.
Oberstufenschüler können neben lyrischen Texten, die wegen ihrer metrischen, rhythmischen und syntaktischen Parallelen enorm gut zur Vertonung in Rap-Form geeignet sind (s. Artikel Möller), auch dramatische Texte rappen. Dies passt gut zum call and response-Prinzip und zu den unter den Lernenden bekannten (und teils beliebten) battles, da die Lernenden Betonung, Intonation, Geschwindigkeit und Lautstärke durch die musikalische Umsetzung und den gewählten beat dabei unterstützend verwenden können, um Gefühle oder Positionen der Figuren besser zum Ausdruck zu bringen.
Software zur Erstellung von beats/Instrumentalspuren
Audacity (lizenzfrei)
Garage band (lizenzfrei für Apple-Produkte)
Cubase (lizensiert)
Music Speed Changer (kostenlose App)
Mitunter ist auch ein Keyboard mit Samples ausreichend (in den meisten Klassen finden sich Kinder, die Keyboard spielen können).
Literatur
Schärtl, Alexandra (2015): „(W)Rap it up. Wortschatz wiederholen, festigen und speichern. In: Englisch 5-10, Heft 31 [Music]. 8 – 10.
Schlicht, Hans (2004): „My words are Weapons. Rap-Texte im Englischunterricht. In: Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch, Heft 67 [Poetry? Poetries!]. 16 – 25.