9. – 10. Schuljahr

Claudia Bubel | Thomas Müller

Fiction out of reality

Dokumentarfoto-Serien und Begleittexte für eine Ausstellung erstellen

Fotografie spielt in der Welt von Jugendlichen, vor allem in sozialen Netzwerken, eine große Rolle. Während bei Plattformen wie Instagram und Snapchat jedoch meist die Selbstinszenierung im Vordergrund steht, setzt sich Dokumentarfotografie mit dem sozialen Umfeld auseinander. Sie ist eine narrativ angelegte und oft sozialkritische Betrachtung. In dieser Unterrichtseinheit lesen die Lernenden dokumentarische Fotoserien des britischen Fotografen Martin Parr und gestalten Fotoserien aus ihrem persönlichen Umfeld mit passenden Begleittexten für eine Ausstellung.

Die Omnipräsenz von Fotografien im Leben von Jugendlichen, gespeichert auf ihren Smartphones und in sozialen Netzwerken, wird meist kritisch beäugt. Lebensbedrohliche Selfie-Shootings und der unreflektierte Umgang mit privaten, teils intimen Bildern haben das Fotografieren Jugendlicher negativ konnotiert. Das Bedürfnis zu fotografieren ist umso größer, je integrierter die soziale Gruppe und je höher die Integrationskraft des Augenblicks (Bourdieux 1981). So verwundert es nicht, dass Jugendliche ihre (Handy-)Kamera nutzen, um in ihrer peer group Momente intensiv empfundener Gemeinschaft zu dokumentieren oder zu kommunizieren bzw. diese über das Zeigen oder Verschicken von Fotografien herzustellen. In den sozialen Netzwerken dienen Fotografien vor allem der multimodalen Selbstdarstellung und damit der Konstitution der eigenen Identität. Während die Fotografie im Alltag der Schüler und Schülerinnen also eine zentrale Rolle einnimmt, hat sie im Unterricht meist eine rein dienende Funktion als Beiwerk in multimodalen Arrangements oder zur Unterstützung verbaler Kommunikation (Hallet 2010).
Kompetenzziel und Output
Über das Gestalten und Betrachten eigener Bildserien und die Auswahl repräsentativer Serien für eine Ausstellung rückt die Fotografie ins Zentrum des Unterrichts. So kann ihre kommunikative und kulturelle Leistung thematisiert werden. Als Grundlage dienen dokumentarische Fotoserien (Kasten  1) des britischen Fotografen Martin Parr (Kasten 2). Dokumentarfotografie regt dazu an, sich mit dem sozialen Umfeld auseinanderzusetzen. Sie ist eine narrativ angelegte und oft sozialkritische Betrachtung. Um diese zu entschlüsseln, werden den Lernenden Dekodierungs- und Verstehensstrategien an die Hand gegeben. Diese sind darauf ausgerichtet, intuitive Prozesse des Bildverstehens bewusst zu machen und zu reflektieren, um so zu einem vertieften Verstehen zu gelangen. Das Erstellen eigener Fotoserien ermöglicht es, das persönliche Umfeld nicht nur über die verbale, sondern auch die visuelle Ebene in den Englischunterricht einzubringen. Die Lernenden können den eigenen kreativen Prozess bewusst erleben ein Prozess, der den Rezipienten von Bildserien normalerweise verborgen bleibt. Die eigenen Serien werden einem Trend der aktuelle Dokumentarfotografie zu stärkerer verbaler Kontextualisierung folgend (vgl. Warner Marien 2014:420) mit Texten versehen. Sowohl das Gestalten der Fotoserien, als auch das Erstellen der Begleittexte wird über ein generisches Verfahren gestützt. Durch die Kombination visueller und verbaler Schülerprodukte eignet sich die Lernaufgabe, fremdsprachliche multimodale Diskursfähigkeit anzubahnen.
1|Dokumentarfotografie
1|Dokumentarfotografie
Die Dokumentarfotografie hält die Realität des gewöhnlichen Alltagsgeschehens fest, jedoch ohne den Anspruch objektiv zu sein. Sie ist eine subjektive meist kritische Betrachtung, eine „Haltung gegenüber der Welt, die ein „unbedingtes Interesse für Menschen und Dinge, für Vorgänge und Strukturen beinhaltet (Elisabeth Neudörfl). Die sozialkritische Haltung der Dokumentarfotografie bietet Anlass, sich mit den Funktionen des Mediums auseinanderzusetzen. Ihre lange Tradition im angelsächsischen Kontext ermöglicht zugleich die Verankerung dieser Diskussion...

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