8. – 13. Schuljahr

Carola Surkamp | Ansgar Nünning

Erzähltextanalyse: Geschichten verstehen verständlich erzählen

Angesichts der (auch medialen) Omnipräsenz von Erzählungen und ihrer vielschichtigen Funktionen im Alltag ist die Förderung narrativer Kompetenzen ein wichtiges Element zur Ermöglichung kultureller Teilhabe. Dies schließt nicht nur rezeptive Kompetenzen zum Verstehen von Geschichten ein, sondern erfordert auch produktive Kompetenzen, um selbst Geschichten erzählen zu können. Für beides müssen Lernende Wissen über die Bauformen des Erzählens erlangen. Im Folgenden werden daher die wesentlichen Konstituenten narrativer Texte vorgestellt (vgl. ausführlich Surkamp/Nünning 2016: Kap. II.5.2). Anhand von Leitfragen, Visualisierungen (worksheet 1 ) und eines glossary in Form einer schüleraktivierenden matching exercise (worksheet 2 ) erhalten Lehrende Ideen und Handwerkszeug, um das didaktische Potenzial von Geschichten für den Unterricht zu nutzen.
Unterscheidung von story und discourse
Die zentrale Unterscheidung sowohl für die Rezeption als auch die Produktion von Geschichten ist die zwischen story und discourse (vgl. Kasten 1 ):
  • Der Begriff der story umfasst die Gesamtheit der Aspekte, die die erzählte Geschichte konstituieren, also neben den Ereignissen (events) auch die in einer Geschichte existierenden Phänomene (existents), bei denen zwischen den Figuren (characters) und dem Schauplatz (setting) unterschieden wird.
  • Der Begriff des discourse bezieht sich auf die Gestaltung der Geschichte durch den Erzähler, also die erzählerische Vermittlung (narration). Dies schließt die Erzählsituation (narrative situation) und verschiedene Erzählweisen (narrative modes) ebenso ein wie die Perspektivierung des Geschehens (focalisation). Der Erzähler nimmt des Weiteren die kausale Verknüpfung der Handlungselemente (plot) und die zeitliche Anordnung der Ereignisse (temporal structure) vor.
Die beiden Grundfragen, die sich aus dieser Unterscheidung ergeben, lauten:
  • Was wird erzählt? Also: What is the story about?
  • Wie wird die Geschichte erzählerisch vermittelt? Also: How is the story told?
Diese Differenzierung trägt der Tatsache Rechnung, dass ein und dieselbe Geschichte im Hinblick auf die Auswahl und Anordnung einzelner Ereignisse sowie die Wahl der Darstellungsperspektive unterschiedlich erzählt werden kann. Dies eröffnet ein großes didaktisches Potenzial, besonders im Hinblick auf schüleraktivierende und produktionsorientierte Verfahren. Lernende können z.B. die Leerstellen einer Geschichte produktiv füllen, indem sie das Geschehen aus einer anderen Perspektive darstellen oder ausgesparte Ereignisse imaginieren (dies ist besonders relevant bei Kürzesterzählungen mit vielen Leerstellen, s. den Unterrichtvorschlag zu Twitter-Erzählungen von Petra Kirchhoff). Für die Produktion eigener Geschichten ist es wiederum essenziell, sich im Vorfeld Gedanken darüber zu machen, was und wer in der Geschichte vorkommen und wer die Geschichte mit welcher Wirkung wie erzählen soll (s. die writing guidelines im Unterrichtsvorschlag von Thorsten Merse und Max von Blanckenburg).
Die story-Ebene (What?)
Hilfreich für den Einstieg in die Analyse eines narrativen Textes oder für den Entwurf einer eigenen Geschichte ist es, sich zunächst mit der story-Ebene zu beschäftigen. Hier gilt es, die Geschichte zeitlich und räumlich zu situieren sowie die wichtigsten Ereignisse und beteiligten Figuren zu erfassen. Mögliche Leitfragen für diese Phase sind:
  • What exactly happens and why? Describe the main events.
  • Who takes part in the story?
  • When and where does the story take place?
Um die Antworten auf diese sogenannten W-Fragen einer Geschichte (Who? What? When? Where? Why?) in eine anschauliche und leicht memorierbare Struktur zu bringen, bietet sich die herringbone technique an (worksheet 1). Mit Hilfe dieses grafischen Verfahrens, das an ein Fischskelett erinnert, wird das Handlungsgerüst eines narrativen Textes vereinfacht...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen