8. – 8. Schuljahr

Andreas Wirag

You wont believe what happened to my sisters husbands friend!

Urban legends in einer Campfire-Erzählrunde vortragen

Neulich haben die Eltern meiner besten Freundin ihre jüngste Tochter an der Autobahnraststätte vergessen. Das haben sie erst nach 500 Kilometern gemerkt im Bekanntenkreis oder Internet kursieren immer wieder solche Geschichten, die einfach zu gut klingen, um wahr zu sein. Aber wer weiß Hier recherchieren die Lernenden solche urban legends und passen sie in einer Weise an ihr Lebensumfeld an, dass sie sie möglichst plausibel und wirkungsvoll erzählen können.

„Ich weiß, das klingt total verrückt aber dem Mann meiner Schwester, also, genauer seinem Freund, ist etwas total Merkwürdiges passiert! Er war im Urlaub in Mexiko und wollte eigentlich nur …“. So oder so ähnlich klingt die Beglaubigungsformel, die jede urban legend eröffnet. Stets ist die Geschichte dem Freund eines Freundes, einer Bekannten o.ä. zugestoßen und stets ist die geschilderte Begebenheit abstrus, schaurig, grotesk oder geprägt von schwarzem Humor. Die urban legend, auch urban myth (dt. „Großstadtlegende), ist eine kurze, außergewöhnliche Geschichte, die als Erzählung in mündlicher Form oder in schriftlicher Form im Internet oder den sozialen Medien kursiert.
Die Verbreitung und Beliebtheit dieser kleinen Geschichten ist, vor allem in den USA, enorm: „[V]irtually every American knows that the sewers of New York are full of alligators (Craughwell 2005: 13). In Deutschland erscheint die Sammlung Die Spinne in der Yucca-Palme (Brednich 2007) bereits in einer selbst skurrilen 444000 Auflage. Dabei spricht die schwarz-humorige Note und Motivik der urban legends besonders Kinder und Heranwachsende an (vgl. Craughwell 2005:14 und Egbert 2009:28).
Die Textsorte urban legend
Die Erzählforschung definiert die urban legend als Form von „mündlich tradierten Erzählungen, in denen Alltagssituationen geschildert werden, die oftmals eine groteske Wendung nehmen und [] dem Freund eines Freundes zugestoßen sind (Nünning/Nünning 2003:6), als „true stories that are too good to be true (Brunvand 2000:7) oder, formal strenger, als „mündlich überlieferte Erzählungen und Berichte von außergewöhnlichen Erlebnissen, Ereignissen oder Erscheinungen, die mit dem Anspruch auf Glaubwürdigkeit erzählt werden (Brednich 2007:6).
Urban legends im Unterricht
Großstadtlegenden bieten sich aufgrund ihrer Machart in vielfältiger Weise für den Unterricht an. So ist die urban legend gekennzeichnet durch
  • eine relative Kürze, meist von unter einer halben Seite (was ihre Behandlung im Unterricht in überschaubarer Zeit erlaubt)
  • eine Situierung im Alltag der Stadt, der Stadtbevölkerung oder dem Alltag städtischer Jugendlicher, z.B. in teenage horror stories (was einen lebensweltlichen Bezug zu den Lernenden ermöglicht)
  • eine einfache Sprache, die auf den mündlichen Ursprung der Textsorte verweist (was ihre lexikalische Erschließung erleichtert)
  • eine lineare Erzählweise ohne Rückblenden, Wechsel der Erzählebenen usw. (was die inhaltliche Erschließung der Geschichten erleichtert)
  • die grotesken, schaurigen, mitunter bizarren Inhalte der Geschichten (was die Lernenden auf affektive Weise anspricht)
  • einen bewussten Austritt aus der persönlichen Komfortzone (denn „häufig geht es um Ereignisse, die sich zerstörerisch auf den Körper auswirken; Martínez 2005:50)
  • eine finale Pointe, Wendung oder Überraschung, in der sich das makabre Element der Geschichten offenbart (was Spannung und Lesemotivation erzeugt)
  • das Fehlen eines ästhetischen Gestaltungsanspruchs auf Ebene von Sprache und Form (was erneut die Texterschließung erleichtert)
  • einen wiederholten Gebrauch von „Beglaubigungssignalen, um den Wahrheitsgehalt der Geschichte zu unterstreichen, z.B. „I remember my uncle telling me …“, „You may well have heard this story before …“ (was die Lernenden auf persönlicher Ebene anspricht)
  • einen bewusst kalkulierten...

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